Datenverlust: Das totale Vergessen

In Film und Literatur tummeln sich Menschen mit Gedächtnisverlust und künstlichen Erinnerungen. Kein Wunder: Was wir sind, das bestimmen vor allem unsere Erinnerungen – sie zu verlieren bedeutet daher auch den Verlust unserer Identität. Doch im wirklichen Leben sind Kopfverletzungen mit anschließender Amnesie eher selten. Viel häufiger verschwinden Briefe, Fotos und Videobänder legendärer Feten und Urlaube erst in einer Schachtel und dann mit derselben beim nächsten Umzug. Tagebücher bleichen über die Jahre aus, Adressbücher finden sich in der frisch gewaschenen Jeans oder verlieren ihre Tinte im Sommerregen. Nach jeder Party fehlen ein paar Platten, verliehene Bücher und DVDs kehren nie vollständig zurück, und eine Scheidung kostet Sie mindestens die Hälfte aller Souvenirs.

Erinnerung mit Halbwertszeit
Am permanenten Vergessen ändert auch das digitale Zeitalter mit seinem papierlosen Büro und dem schier unbegrenzten Speicherplatz nichts. Die Urlaubsfotos liegen heute oft nicht mal mehr als Abzüge herum, sie existieren nur noch virtuell, als Bitmuster auf der Festplatte. Wer seine Adressen per Handy verwaltet, kann sich schon mal den digitalen Alzheimer aufs Krankenblatt diagnostizieren: Geht der kleine Flüsterknochen nämlich verloren, verschwinden mit ihm auch alle Kontakte. Klar: Den einen oder anderen One-Night-zuviel-Stand wollte man ohnehin vergessen, aber doch nicht die wertvollen Kontakte und Freunde!

PDAs und Organizer haben die Notizbücher verdrängt, lassen sich aber anders als ein Stück Papier nicht wütend in die Ecke fetzen, ohne sich mit Totalausfall zu rächen. Nutzer von Itunes & Co. haben keine CDs mehr, sondern nur noch die lizenzierte Erlaubnis, Songs zu hören – mit dem Crash verschwindet auch die Lizenz zum Hören auf Nimmerwiedersehen. Der Verlust der Fotos vom Teutonengrill und der drei DOC-Briefe ans Finanzamt läßt sich noch verschmerzen, das eine oder andere Soundfile wieder auftreiben – doch spätestens die Mails brechen jedem das Genick. Denn an der Mail hängen oft auch Ihre Shopping-Konten samt Passwörtern und anderen Zugangsinformationen. Wer sich komplett virtualisiert hat, hängt am seidenen Faden über dem digitalen Abgrund.

Gefahren, die nach Daten trachten …
Zum virtuellen Lifestyle gehören Bedrohungen, die leider überhaupt nicht virtuell sind. Der Klassiker ist der Daten-Crash: Der PC fällt aus, die Festplatte verabschiedetet sich, beides scheinbar ohne Grund. Ein kräftiges Gewitter mit heftigem Blitzschlag oder eine fehlerhafte Produktserie reichen aus, schon sind Sie Ihre Daten los, ohne jede Chance, den GAU vorherzusehen oder zu verhindern. Hinzu kommen die Angriffe aus dem Netz: Die Zahl der Viren und Würmer geht längst in die Hunderttausend. Einer davon reicht, um Ihr Windows in unbrauchbare Software-Schlacke zu verwandeln.

Immer öfter sind Würmer und Trojanische Pferde in Sachen Raub & Plünderungen unterwegs. Kommerziell orientierte Datendiebe wollen damit im großen Maßstab Ihre digitale Identität abschöpfen. Zu der gehören Ihre Passwörter (im Mail-Programm gespeichert, auslesbar) ebenso wie die Zugangsdaten Ihrer Online-Bank (die Sie eingeben, während der Datendieb Ihre Tastatur abhört). „Phishing“ heißt die derzeit größte Bedrohung zunehmend organisierter Cyber-Banden, die Sie mit täuschend echt aussehenden Fake-Webseiten überlisten will, Ihre Ebay-Daten, PINs und TANs gleich im Dutzend preiszugeben. Dagegen sind Langfinger, die ihr Notebook klauen, geradezu Kleinkriminelle.

„Scotty! Energie in die Schutzschilde!“
Gegen die digitale Verkalkung helfen Ginseng und Knoblauch aus der PC-Apotheke. Zunächst verwandeln Sie Ihre Kalkulations-Kiste in eine Festung. Ein Antivirenprogramm schützt Sie vor Viren, hält Ihnen Spam und Ähnliches vom Leib und verhindert den Download infizierter Dateien. Antispyware durchleuchtet das System auf Knopfdruck nach Dialern und unerwünschten Werbeprogrammen. Errichten Sie mittels Firewall einen Schutzwall nach außen, damit Sie vor unangekündigten Besuchern sicher sind und erfahren, welches Ihrer Programme „nach Hause telefoniert“ – inzwischen ein feststehender Begriff für scheinbar normale Programme, die heimlich Ihr Verhalten studieren und die Aufzeichnungen ans Headquarter übermitteln, damit die Sie mit noch mehr Spam überschütten. Interessant ist zum Beispiel die neue Security Suite von Kaspersky Labs, die vom Virenschutz bis zur Firewall bereits alles enthält (www.kaspersky.de). Bei leerer Kasse reicht – zur Not – Antivir Personal Edition Classic (www.free-av.de) in Kombination mit Spybot (www.safer-networking.org). Nutzen Sie Update-Angebote ihres Betriebssystems, um etwaige Sicherheitslücken zu schließen.

Wichtigstes Tool: der hauseigene Verstand. Klicken Sie nichts an, was Sie nicht angefordert haben, auch keine Links. Verdächtig sind E-Mails unbekannter Personen oder mit seltsamen Betreff-Zeilen sowie alle Arten von Websites im Hacker- oder Rotlicht-Milieu, egal, wie authentisch und adrett sie aussehen mögen. Auch bei Banker-Mails müssen die Alarmglocken schrillen: Je dringender und drohender ihr Ton, desto eiliger haben es die Web-Enkel der Panzerknacker, Ihre Kontodaten abzuphishen.

Doppelt gespeichert hält besser
Gegen das digitale Vergessen hilft nur ein Backup, also die Kopie Ihrer Daten auf einem externen Medium. Wichtige Handy-Daten sichern Sie per SIM-Card-Reader oder mit einem Datenkabel. Ihren PDA gleichen Sie möglichst häufig mit dem PC ab, damit die Daten doppelt vorliegen. Für PC-Backups eignen sich externe Festplatten. Auf diese kopieren Sie einfach alles, was Ihr digitales Gedächtnis nicht vergessen soll – Fotos, Dokumente, die Links Ihrer Browser, Mails und Adressen Ihres Mail-Programms (über die Export-Funktion) und so weiter.

Vorsicht vor der Archiv-Falle: Wenn Sie alle Fotos und Dokumente ausschließlich auf der externen Festplatte speichern, dann sind diese Daten im Fall des Crashs auch alle auf einmal weg. Backup heißt, dass alle Daten mindestens zwei Mal existieren. Brennen Sie daher alle Daten zusätzlich auch auf CD oder DVD. Wenn Sie statt externer Festplatten nur DVDs verwenden, brennen Sie alles zwei Mal. Verwenden dazu jeweils zwei verschiedene Rohlinge, denn DVDs sind nett für Filme, aber als Sicherungsmedium von Typ zu Typ eher unzuverlässig. Wenn Sie an einem Bestseller oder der Formel für die Kalte Kernfusion arbeiten, sichern Sie die Dokumente lieber auf CD – die ist zuverlässiger.

Backup-Programme helfen: Die richtige Strategie ist, in regelmäßigen Abständen – monatlich oder alle zwei Wochen – den PC zu sichern, also das Betriebssystem als Ganzes. Klar: Das ist aufwendig, daher nicht täglich möglich. Daher sichern Sie zusätzlich täglich die Früchte Ihrer Arbeit, also Ihre Dokumente. Beim Zurücksetzen eines gecrashten PC haben Sie dann den Software-Stand vom letzten Monat plus die Dokumente von gestern. Zwei gute Backup-Programme sind Acronis True Image und Norton Save & Restore. Beide Programme können sowohl Ihren PC als Gesamt-System sichern, das Sie nach einem Total-Crash wieder von Ihren Backups herstellen können, als auch Dateien und Ordner, und zwar sowohl auf externe Platte als auch auf Rohlingen.

Sind Sie damit schon auf der sicheren Seite? Vergessen Sie’s! Ihr digitales Erinnerungsvermögen hält so vielleicht fünf, maximal zehn Jahre. Schon jetzt fallen gebrannte CDs der ersten Generationen aus, obwohl man dem Silberling einst eine Lebensdauer von 30 Jahren zusprach. Es kümmert kaum, dass das nicht stimmt, denn ob es CD/DVD-Laufwerke und USB-Anschlüsse in 30 Jahren noch gibt, ist eher unwahrscheinlich. Gegen das Vergessen müssen Sie daher immer wieder ankämpfen und den ganzen Info-Kram immer wieder auf die jeweils neuen Datenträger kopieren. Vergessen Sie daher nicht das gute, alte Papier: Drucken Sie wichtige Mails, Zugangsdaten und Passwörter sowie wichtige Adresslisten regelmäßig aus und legen Sie sie wie Oma in Ordnern ab. Zeigen Sie Mut zu Schlussstrich und reinem Tisch: Machen Sie gute Abzüge von Ihren besten Fotos oder gleich Fotobücher (www.fotobuch.de) und werfen Sie danach den ganzen Datenballast einfach von der Platte – das spart Zeit und Sorgen. Denn ja: Papier und Foto vergilben und verlieren mit den Jahren an Qualität und Bildkraft, doch ein beschädigter Datensatz ist nicht mal mehr seine Nullen wert.

Memories are made of this…

Daten- und Gedächtnisverlust im Film

Total Recall
Bauarbeiter Schwarzenegger will dem tristen Alltag des Jahres 2084 entfliehen und erwirbt die künstliche Erinnerung an einen Marsurlaub. Plötzlich jagen ihn Gott und die Welt und die süße Gattin Sharon Stone entpuppt sich als kalte Killerin. Endlich erinnert sich Arnie, und zwar total: Er ist erstens ein Erlöser und hat zweitens die Welt zu retten.

Blade Runner
Besser falsche Erinnerungen als gar keine, denken sich die kurzlebigen Replikanten und wollen ihrem Schöpfer noch ein paar Jahre abpressen. Nur Harrison Ford steht ihnen im Weg. Ob er selbst ein Repi ist, bringt vielleicht die für nächstes Jahr angekündigte 25-Jahre-Jubiläums-DVD mit einem neuen Director’s Cut ans Licht.

The Final Cut
Unsere Erinnerung ist bald nur mehr eine Chip-Aufzeichnung, die Verwandtschaft zieht sich den Ego-Streifen bei unserer Bestattung rein. Vorher schnippelt Cutter Robin Willliams noch die allzu finstren Sünden seiner Mitmenschen aus der Seelen-DVD, zunehmend missmutig.

50 erste Dates
Drew Barrymore findet in Herzbub Adam Sandler endlich ihren Seelenverwandten und verbringt mit ihm die schönsten 24 Stunden seines Lebens. Allerdings jeden Tag aufs Neue, denn ihr Gedächtnis ist ihr vor Jahren abhanden gekommen.

Memento
Unter anterograder Amnesie leidet nach einem Überfall auch Guy Pearce, was ihm die Suche nach dem Mörder seiner Frau erschwert. Deshalb hat er stets die Polaroid-Kamera dabei und läßt sich die wichtigsten Erkenntnisse auf den Körper tätowieren. Auch eine Backup-Methode.

Vergiß mein nicht!
Ab und zu mal die Platte löschen: Jim Carrey und Kate Winslet lassen die Erinnerung an ihre gemeinsame Beziehung aus dem Gedächtnis tilgen. Doch das Schicksal hat die beiden erneut für einander bestimmt.

Rashomon
Akira-Kurosawa-Klassiker über eine Vergewaltigung, an die sich vier unterschiedliche Charaktere jeweils anders erinnern. Datenintegrität im real life.

Mulholland Drive
Die schöne Rita hat ihr Gedächtnis verloren, gemeinsam mit der naiven Provinz-Schauspielerin Betty sucht sie ihre echte ID – doch in David Lynchs filmischen Datencrash kommen der Realität auch mal ganze Personen abhanden.

The Forgotten
Eine Mutter trauert um ihren verstorbenen Sohn, ein Vater um seine Tochter. Plötzlich verschwinden die Zeugnisse auf Videobändern und Fotos, auch die Mitmenschen erinnern sich nicht mehr an die Kinder. Fehler in der Matrix?

Spider
Wie wird man eigentlich schizophren? In David Cronenbergs Leinwandadaption eines Patrick-McGrath-Romans führt uns Ralph Fiennes durch das Netz seiner wirren Erinnerungen.

Ich kämpfe um dich (Spellbound)
Hitchcock und Datenverlust: Der des Mordes verdächtige Gregory Peck hat sein Gedächtnis verloren und Ingrid Bergmann startet das Backup – aus seinen surrealen Dali-Träumen.

(Geschrieben für HOME, 2006)

Mehr zum Thema: Backup auf Scarware.de.

Andreas Winterer

Andreas Winterer ist Journalist, Buchautor und Blogger und beschäftigt sich seit 1992 mit Sicherheitsthemen. Auf unsicherheitsblog.de will er digitale Aufklärung zu Sicherheitsthemen bieten – auf dem Niveau 'normaler Nutzer' und ohne falsche Paranoia. Auf der Nachbarseite passwortbibel.de geht's um Passwörter. Bitte kaufen Sie eines seiner Bücher.

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